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Nachhaltiges Bauen erfordert persönliches Engagement

Frage: Herr Seidel, Sie organisierten federführend vor wenigen Wochen die Fachtagung „Nachhaltiges Bauen“ der Brandenburgischen Ingenieurkammer in Zusammenarbeit mit der Baukammer Berlin auf Anregung des Ministeriums für Infrastruktur und Landwirtschaft des Landes Brandenburg. Dabei wird heute das Wort nachhaltig fast schon inflationär vor allem im Bauwesen verwendet. Warum engagieren Sie sich dennoch so aktiv für dieses Thema?

Antwort: Weil hier noch immer ungeahnte Potenziale schlummern. Ich bin überzeugt, dass die meisten Menschen die Notwendigkeit des Ressourcen- und Umweltschutzes begriffen haben. Daher ärgere ich mich schon, wenn gerade im Bauwesen einer der größten Problemgeber liegt. Bauten und damit verbunden das Bauwesen sind der größte Energieverbraucher und erzeugen damit auch den meisten Abfall. Das Bauwesen ist schuld daran, dass die Landschaft zugebaut wird und wir ein Flächenproblem haben. Daher müssen wir klar machen, was tatsächliche Nachhaltigkeit beim Bauen bedeutet. Es gilt zu verdeutlichen, dass Prozessqualitätsfragen als Bewertungskriterien für Nachhaltiges Bauen im Mittelpunkt stehen. Also zu definieren, was ist nachhaltiges Bauen in der täglichen Praxis ohne sich auf die sogenannten Leuchttürme und Einzelprojekte zurück zu ziehen und zu konzentrieren. Sprich: wie es alltagstauglich funktioniert. Weil es darum geht, hier ein einheitliches Bewertungssystem zu platzieren, das im Ergebnis der Maßnahmen echte Nachhaltigkeit verdeutlicht. Nicht umsonst betonte der Präsident der Brandenburgischen Ingenieurkammer Dipl.-Ing. Wieland Sommer die Bedeutung präziser Kenntnisse, eines breiten Netzwerkes und Einvernehmen für das Thema.

Frage: Ein Bewertungssystem für nachhaltiges Bauen wurde im vergangenen April vom Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung vorgestellt. Dieses wurde für die Belange des Bundesbaus entwickelt und veröffentlicht. Lässt sich dieses auf privatwirtschaftliche und kommunale Bauten genauso anwenden?

Antwort: Ja zweifellos, es sollte sogar. Wir haben einhellig erkannt, dass darüber nur zu reden einfach zu wenig ist, es müssen messbare Parameter her. Das zeigten auch die Ausführungen von Dipl.-Ing. Andreas Rietz vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung, dessen Referat an der Entwicklung dieses Bewertungssystems federführend beteiligt war. Denn das übertragbare Ziel dieses Bewertungssystems ist es, die Qualität der Nachhaltigkeit von Gebäuden oder baulichen Anlagen komplex zu bewerten und zu beschreiben. Meint: eine ausgewogene Bewertung ökologischer, ökonomischer, sozialer, funktionaler und technischer Aspekte bei gleichzeitiger Betrachtung der Qualität von Prozessen der Planung, Realisierung und Bewirtschaftung. Dies kann man für Neubauten, aber auch Sanierungsobjekte und Modernisierungsmaßnahmen gleichermaßen anwenden. In dem man das jeweilige Gebäude in einem ausgewogenen Kriterienkomplex betrachtet. Dazu gehören: 1. die Ökobilanz (Ressourceninanspruchnahme, Auswirkung auf Umwelt), 2. die ökonomische Qualität (Kostenanalyse im Lebenszyklus/ Wertstabilität/ Wertentwicklung), 3. die soziokulturelle und funktionale Qualität (Behaglichkeit/ Nutzerzufriedenheit/ Gestaltung/ Umnutzungsfähigkeit) sowie 4. und 5. die technische (Instandhaltung/ Rückbaubarkeit/ Recyclingfähigkeit) und Prozessqualität (Qualität der Planung und Bauausführung). Daraus ergibt sich ein Gesamtbild, das eine konkrete Bewertung „echter“ Nachhaltigkeit ermöglicht. Und damit lohnt sich das gesamte Engagement aller Beteiligten – für das Projekt, die Umwelt, die eigene Arbeit und das gesellschaftliche Gewissen!

Frage: Diese Betrachtung ist de facto allumfassend zu verstehen. Wie soll oder kann man so etwas erreichen, angesichts der vielen einzelnen Parameter, die Gebäude erfüllen müssen und damit verbunden die vielen einzelnen „Gewerke“, die beteiligt sind?

Antwort: Dies kann nur mit integraler Planung von Anfang an zu dem gewünschten Ergebnis führen. Indem alle Kriterien von allen Beteiligten gleichberechtigt bewertet werden. Indem wir die Vorteile gegen die Nachteile abwägen. Indem wir eine fachübergreifende Diskussion mit allen Beteiligten bereits in der frühsten Planungsphase führen. Das heißt, Nutzer, Fach- und Objektplaner und Architekten gehören alle an einen Tisch. Wir müssen weg davon, dass jeder Projektbeteiligte sein eigenes Süppchen kocht. Weg davon, die Phasen etappenweise zu betrachten und zu realisieren. Sondern von Anfang an die Optimierung des Gebäudes mit all seinen Erfordernissen im Auge zu haben, so dass ein optimiertes Gebäude herauskommt, das der Nutzer auch tatsächlich wirtschaftlich braucht! Wenn wir beispielsweise Kriterien der Statik, des Baus oder der Haustechnik verzahnt betrachten, ergibt sich der gelebte Umweltgedanke zwangsläufig.

Ist das nicht Wunschdenken? Alle an einen Tisch, jedes Für und Wider zu diskutieren und am Ende entsteht das Non plus Ultra?

Antwort: Zum Glück ist das heute nicht mehr so. Es wird nur leider noch viel zu wenig umgesetzt. Warum? Vielleicht weil man sich vor dieser Diskussion scheut, auch die Erfahrungen fehlen. Aber glücklicherweise gibt es bereits ganz praktikabel umgesetzte Beispiele, die einen solchen fachübergreifenden Abstimmungs- und Diskussionszyklus überaus positiv realisiert haben, alle an der Optimierung mitgearbeitet haben und das Projekt als gelungen bezeichnet werden kann. Nehmen Sie den Bau des neuen Rathauses in Blankenfelde/ Mahlow, nehmen Sie die Schulsanierung der Grundschule II in Eiche. Oder nehmen Sie jedes mit kompetenter Energieberatung realisierte neu gebaute oder sanierte Eigenheim im privaten Bereich. Nachhaltig muss nicht zwangsläufig teuer sein. Denn schließlich ist jedes Objekt immer ein Unikat. Das Patentrezept für das Bauwesen gibt es nicht, aber letztendlich die gemeinsame Betrachtung von Investitionsaufwand und Dauerbetriebskosten der Schlüssel für eine Entscheidung sind. Wenn wir begreifen, die individuellen Merkmale auch im Nutzensverhalten mit zu betrachten und dies in Planung, Bau und Bewirtschaftung umsetzen, dann können wir auch von gelebter Nachhaltigkeit sprechen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Ines Weitermann, Presse & Marketing Weitermann

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