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1. Architekturgespräch 2012

Moderiert von         Dr. Jürgen Tietz, Journalist und Architekturkritiker,
haben diskutiert

Verena Rühr-Bach, Vorsitzende der Eisenhüttenstädter Wohnungsbaugenossenschaft eG
Prof. Dr.-Ing. Matthias Koziol, BTU Cottbus, Lehrstuhl Stadttechnik
Sirko Hellwig, Architekt, Eisenhüttenstadt
Dr. Georg Frank, Brandenburgisches Landesamt für Denkmalpflege (BLDAM)

Einführung
Christiane Nowak, Stadtverwaltung Eisenhüttenstadt und Prof. Dr.-Ing. Matthias Koziol

Eisenhüttenstadt gilt als die erste „sozialistische Stadt“ der DDR, sie ist im Zusammenhang mit dem Industriestandort als Planstadt entstanden und hat heute in ihrem zentralen Bereich den Status eines Flächendenkmals. Das stetige Bevölkerungswachstum erreichte 1988 mit ca. 54.000 EW seinen Höhepunkt.

Christiane Nowak hat die aktuelle Situation anschaulich geschildert, die stark durch den demografischen Wandel bestimmt ist. Heute hat Eisenhüttenstadt ca. 30.000 EW, die Prognose für 2015 beläuft sich auf ca. 28.000 EW. Die Stadt hat ein Integriertes Stadtentwicklungskonzept entwickelt und ein Leitbild, nach dem sie weiterhin Industriestandort bleiben will, ergänzt durch weitere Funktionen. Besondere Aufmerksamkeit gilt der lokalen Wirtschaft, aber auch weichen Standortfaktoren; man will offen sein für alle Generationen. „Auch eine Stadt mit 25.000 Einwohnern ist lebenswert – aber der Weg dahin ist schwierig“. Vieles ist bereits getan sowohl beim Abriss als auch bei Sanierung und Aufwertung, was bei einer angespannten wirtschaftlichen Situation schwer zu leisten ist. Der überwiegende Anteil an Abrissmaßnahmen erfolgte bei den „jüngsten“ Wohnungsbaubeständen in Plattenbauweise, während man die innerstädtischen Bereiche weitgehend erhalten, saniert und aufgewertet hat. Die Stadt ist durchaus stolz auf das Geleistete. Aber auch der Energiewandel stellt weitere Herausforderungen in allen Bereichen, die mit vielen Auseinandersetzungen verbunden sein werden.

Prof. Dr.-Ing. Matthias Koziol verdeutlichte, dass ein plausibles Stadtentwicklungs-bzw. Stadtumbaukonzept eine wesentliche Voraussetzung für eine energetische Optimierung ist, auch und besonders von Baudenkmälern. Es müssen grundsätzliche Entscheidungen getroffen werden zum Erhalt lebensfähiger innerstädtischer Bereiche, und die zentralen Versorgungssysteme müssen durch eine strukturelle Konzentration effizient bleiben. Kompakte Gebäudeformationen sollten erhalten bleiben. Beim Stadtumbau und auch beim Umgang mit Baudenkmälern kann man an den Marktmechanismen nicht vorbeigehen, denn Wohnraum muss bezahlbar bleiben und eine Refinanzierung muss möglich sein. Prof. Dr.-Ing. Matthias Koziol führte das Panorama der unterschiedlichen technischen Lösungsansätze vor Augen wie Wärmedämmung, effektive Lüftung, Einsatz erneuerbarer Energien, Nahwärmeversorgung, qualifiziertes Verbraucherverhalten. Seine Mahnung: Gebäude können nur erhalten werden, wenn sie genutzt werden. So erfordert denkmalwerter Baubestand und dessen Ertüchtigung eine besonders hohe Kompetenz. Viele Einzeleigentümer und Wohnungsunternehmen müssen aktiviert werden.

Das Podium  hat das an dem gelungenen Beispiel der ehemaligen Großgaststätte „Aktivist“ diskutiert. An Verena Rühr-Bach ging die Frage des Moderators, wie mutig man denn sein musste, um sich einer solchen Aufgabe zu stellen. „Der Mut wuchs mit der Begeisterung der Bürgerinnen und Bürger, nachdem ihnen die Absicht vorgestellt worden war.“ So findet zum Beispiel der Tag der offenen Tür nach wie vor großes Interesse, und weit über die Stadt hinaus gibt es positive Resonanz.

Nach den Rahmenbedingungen befragt, schildert Sirko Hellwig die Herangehensweise. Man hat die vorgefundene Situation analysiert und ist zu der Erkenntnis gekommen, dass die Innenräume einen besonderen Wert haben, auch wenn das Gebäude als Ganzes  in dem Flächendenkmal seine Bedeutung hat. Die „energetische Hülle“ wurde nach außen verlegt und so gestaltet, dass die Rekonstruktion der Fassade nicht etwa zum Verlust als Denkmal geführt hätte. Verena Rühr-Bach hat die Frage, ob das Haus wirtschaftlich betrieben werden kann, eindeutig positiv beantwortet „in einem Denkmal kann mehr Potential stecken als zuerst einmal vermutet, Bedingung für die Revitalisierung war, dass man es tatsächlich bewirtschaften kann“.       

Was von den Erfahrungen grundsätzlich übertragbar ist, war die Frage des Moderators an  Dr. Georg Frank. Seine Antwort: „Es müssen die richtigen Leute gefunden werden, die willens und in der Lage sind, verantwortungsvoll mit schützenswerter Substanz umzugehen. Eine umfassende Analyse ist notwendig, aus der die Maßnahmen abgeleitet werden. Die Denkmalpflege sieht sich als ein Akteur bei der energetischen Optimierung, denn wichtig ist für den Erhalt der Gebäude die nachhaltige Nutzbarmachung“.

Sirko Hellwig schilderte, wie durch den sparsamen Einsatz moderner Technik eine weitere Optimierung des Energieverbrauchs erreicht werden konnte. In der ehemaligen Großgaststätte war bereits eine Lüftungsanlage vorhanden, die bei weitem nicht heutigen Anforderungen entsprach, allerdings waren Kanäle und Deckenauslässe integrierender Teil der ursprünglichen Deckengestaltung, sie konnten verwendet werden. Die Frage, ob der Einbau der transparenten Elemente im Innern des Gebäudes, durch den die Funktionsbereiche gegliedert werden, ein unverhältnismäßiger Eingriff gewesen sei, wurde im Gespräch verneint. Die Lösung wurde übereinstimmend positiv beurteilt.

Dr. Georg Frank  verwies darauf, dass im Verlauf der Baugeschichte immer wieder Ergänzungen und Veränderungen an Gebäuden vorgenommen worden sind, entscheidend sei die Qualität beim Weiterbauen. Vielleicht kann eine energetische Sanierung später einmal einen Denkmalwert begründen. Sirko Hellwig: „Wichtig ist der Kompromiss zwischen Wirtschaftlichkeit, Ästhetik, Wohlfühlen.“

Einen breiten Raum nahm in der Diskussion auch der effektive Einsatz technischer Anlagen und der Steuerungstechnik ein. Prof. Dr.-Ing. Matthias Koziol hat aus seiner umfangreichen Erfahrung heraus vor der Illusion gewarnt, dass mehr Technik automatisch mehr Energieeffizienz garantiere. „Wichtig ist der Faktor Mensch“, das heißt Technik muss handhabbar sein und darf sinnvolles Verhalten nicht ausbremsen.

Er betonte noch einmal die Wichtigkeit energetischer Optimierung in der Stadtentwicklung insgesamt. Beispielsweise werde bei dem Bestand an Wohngebäuden die Nettokaltmiete im Verhältnis zu den Gesamtkosten weitgehend überbewertet, aber mit einem weiteren Ansteigen der Energiekosten werde die energetische Sanierung an Bedeutung gewinnen müssen. Nicht zuletzt der Individualverkehr, der durch ungünstige Siedlungsstrukturen verursacht wird, sei ein Energiefresser und ein hoher Kostenfaktor. Während die Argumentation zugunsten entsprechender Maßnahmen oft schwierig ist, könnten sie als Innovationen durchaus auch einen Werbeeffekt gewinnen.

Das Gespräch hat deutlich gemacht, dass es grundsätzlich notwendig ist, bei der energetischen Optimierung in verschiedenen Kontexten zu denken, um zu erfolgreichen Lösungen zu kommen. Die abschließende Feststellung von Dr. Jürgen Tietz: „Die Diskussion über Energetische Optimierung hat in einem Baudenkmal stattgefunden, das ein zweites Leben erhalten hat“.

Verfasser: Sigrid Albeshausen für die Brandenburgische Architektenkammer, erschienen im DAB 10/2012 Teil Brandenburg
Die Veranstaltung wurde von der Brandenburgischen Architektenkammer organisiert.

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